4. August 2018: Steht die Menschheit vor der Selbstausrottung?

 

Neben den guten Eigenschaften, die der Menschheit enorm viel Segen gebracht haben, stecken in uns auch die schlechten Neigungen, die sich zum Exzess entwickeln können. Selbst als die Mehrzahl der Menschen noch damit beschäftigt war, das bloße Überleben zu sichern, gab es immer schon solche, die es verstanden, sich Vorteile zu verschaffen, Macht an sich zu reißen und Mitmenschen zu knechten.

 

Zwar brachte es den Menschen viele Erleichterungen, je mehr es ihnen gelang, die in der unbelebten und belebten Natur vorkommenden Stoffe für sich zu nutzen, Tiere für sich arbeiten zu lassen und die Kräfte der Natur zu Gehilfen zu machen. Es entwickelten sich Kontakte, Kooperationen und Freude an Kreativität. Aber Habsucht, Geltungs- und Genusssucht waren stete Begleiter. Irrtümer und Missverständnisse blieben nicht aus. Und Feindschaften führten zu bewaffneten Auseinandersetzungen. So ging es Jahrhunderte, Jahrtausende. Enorme Zerstörungen waren die Folge.

 

„Doch gerade Laster aller Art, von der Trunksucht über die Verschwendung hin zur Gier, kurbelten die Wirtschaft an.“ (1) Und heute beherrschen die Wörter Konkurrenz, Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität usw. die Gespräche und Schriften der Ökonomen. Die Gier ist der treibende Faktor. Das Wachstumssystem ermöglicht der Gier die Eigendynamik. Neoliberale Politik zieht sich zurück: Einfach wachsen lassen und den Markt regeln lassen.

 

Die Klimaentwicklung zeigt uns aber äußerst anschaulich, dass es auf einmal aus sein muss mit dem Einfach-wachsen-Lassen, denn wir sind an den Grenzen angelangt. Das heißt, wir stehen vor der völlig neuen Situation, akzeptieren zu müssen, dass es kein weiteres materielles Wirtschaftswachstum geben darf und dass die Kreisläufe der Natur überlastet sind. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir, wenn wir so weitermachen, uns dem Kollaps nähern. Was also bisher erfolgreich war, entwickelt sich immer mehr zum Alptraum.

 

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren.

 

- Entweder die Menschheit setzt ihre ausbeuterischen Praktiken fort, und die Industriestaaten bleiben bei ihrem verschwenderischen Lebensstil, ja steigern ihn sogar noch. Sie begeben sich aber dadurch in die Gefahr, in den Untergang gerissen zu werden und sich selber auszurotten.

 

- Oder die Menschheit (vor allem der Club der Reichen) schaltet um von der Wachstumsökonomie auf eine Ökonomie des Es-muss-einmal-genug-Seins, der Lebensqualität, des intensiven Umwelt- und Klimaschutzes, des Mutes zur Technikfolgenkontrolle, der Kooperation, der gerechten Verteilung und der Unterstützung für ärmere Länder beim Aufholen.

 

Das scheint illusorisch. Es bleibt aber keine Wahl. Die Menschheit muss Regulative auf sich nehmen, um das weltzerstörerische Potenzial, das in uns Menschen steckt, nicht zur Weltzerstörung werden zu lassen. Es muss möglich sein, die Gier und deren Folgen, den Materialismus und den Kapitalismus, so zu zähmen und zu kultivieren, dass ein Überleben in Frieden und Wohlstand für alle möglich wird.

 

Caritas-Präsiden Michael Landau hat dazu einen wichtigen Aspekt eingebracht. Er hat sich vor kurzem für einen Marshall-Plan für Afrika zur Förderung der lokalen Wirtschaft ausgesprochen.

Siehe https://religion.orf.at/stories/2927884/

Landau plädiert auch für einen EU-Afrika-Kommissar.

 

Der Klimaschutz wird mit Sicherheit zum Zukunftsprojekt Nummer eins. „Die Frage drängt sich auf: War die Menschheit je verrückter? Ihre politische Führung, man muss es wohl sagen, je unfähiger?“ (2)

 

Zwei Autobahn-Abschnitte zu 140-km/h-Teststrecken zu erklären, war mit Sicherheit eine Maßnahme, die in die falsche Richtung geht! Und warum gibt es noch keine CO2-Abgabe? Ebenfalls ein fundamentales Versäumnis der Politik, das Entwicklungen in die falsche Richtung zulässt!

 

Dabei wäre die CO2-Abgabe eine „höchst wirksame, simple und marktkonforme“ Maßnahme. „Wer Treibhausgas freisetzt, zahlt. Ob Autofahrer, Fabrikbetreiber, Spediteur, Strom- oder Wärmeproduzent, kleiner Landwirt oder Agrargroßbetrieb. Gleichzeitig werden die Subventionen für Öl, Kohle und Gas zurückgefahren. Diese Politik würde steuern, und das in die richtige Richtung. Den Rest regelt der freie Markt: Wer es zuwege bringt, möglichst kohlenstoffarme, also für Verbraucher und Produzenten attraktive Technologien anzubieten, macht das Rennen und das Geld.“ (2)

 

„Am Einzelnen liegt es nicht. Es liegt an der politischen Beschlussfassung. Mehr ist nicht nötig.“ (2) Aber wird die Bundesregierung den Mut aufbringen, eine CO2-Abgabe zu beschließen? Denn diese Abgabe verlangt etwas vom Wahlvolk, wenn auch zu seinem Vorteil - längerfristig. Da die CO2-Abgabe in der Bevölkerung wahrscheinlich noch nicht mehrheitsfähig ist, müssten alle Parlamentsparteien mitmachen und diese Abgabe mit beschließen. Werden sie den Populismus hintanstellen und angesichts der Dringlichkeit dieser Maßnahme sie in Geschlossenheit vertreten?

 

Für die politischen Parteien und für die Demokratie generell ist dies eine enorme Herausforderung. Es muss von den Wählerinnen und Wählern etwas verlangt werden, was ihnen nicht unmittelbar Vorteile bringt. 

 

Was derzeit für den Klimaschutz auf gesetzlicher Ebene vorgesehen ist (Integrierte Klima- und Energiestrategie), ist eindeutig zu wenig. "Da ist noch viel nachzubessern", meinte kürzlich der Ökonom und Klimaexperte Stefan Schleicher in einem Interview. (3) Ähnlich äußerte sich der Volkswirt und Klimaforscher Karl Steininger: "Die Pioniere in Österreich würden sich wünschen, dass sie klarer bestärkt werden in der wirtschaftlichen Tragfähigkeit durch adäquate Rahmenbedingungen. Und da hinkt Österreich nach, da sind wir langsam - vorsichtig ausgedrückt." (4)   

 

 

 

(1) „Laster vs. Tugend: eins zu null“, kurzer Artikel von Alexandra Bleyer in den Salzburger Nachrichten vom 28. Juli 2018, Seite 12

 

(2) „War die Menschheit je verrückter?“, Leitartikel von Martin Stricker in den Salzburger Nachrichten vom 4. August 2018, Seite 1

 

(3) Ö1-Radiosendung "Mittagsjournal" vom 30. Juli 2018

 

(4) Tageszeitung "Oberösterreichische Nachrichten" vom 28. Juli 2018