7. Juni 2019: Die Klima-Kluft

Wehe dem, der die Zeichen der Zeit nicht erkennt 

 

Die Klimaschutz-Untätigkeit der Politik steht im krassen Gegensatz dazu, was sich in der Realität tut: Mitarbeiter fordern von ihren Arbeitgebern ein, sich zu engagieren: Bezug von grünem Strom, Energieeffizienz, saubere Mobilitätsangebote. Vorstände lassen den CO2-Ausstoß des Unternehmens errechnen und messen den Erfolg ihrer Manager am CO2-Ausstoß der Werke. Der Bosch-Konzern will bereits 2020 alle 4000 Werke weltweit klimaneutral betreiben. Siemens plant das  für 2030. Sogar die Stahlindustrie, die eindringlich davor gewarnt hat, mit einer zu forschen Klimapolitik die Branche aus Europa zu vertreiben, experimentiert nun mit Wasserstoff aus grünem Strom.

 

Das passiert natürlich nicht ganz freiwillig: Viele Unternehmen fürchten, dass große Anleger jene meiden werden, die zu viele Treibhausgase ausstoßen. Und sie wissen um die direkten Schäden im eigenen Geschäft, wenn die Temperaturen steigen und Extremereignisse zunehmen: Die Kosten für Versicherungen, Transporte, Kühlung, Wasser und Emissionsrechte werden zunehmen, die Nachfrage im Markt nach bestimmten Produkten einbrechen. 80 Prozent der Großunternehmen erwarten Auswirkungen durch den Klimawandel, ergab eine Befragung der anerkannten britischen Organisation Carbon Disclosure Projekt.

 

In solchen Momenten schlägt eigentlich die Stunde des Staates: Regierungen müssen sagen, wie sie Gesellschaft und Unternehmen im Kampf gegen den Klimawandel unterstützen werden, welche Rahmenbedingungen zu erwarten sind. Das Problem lässt sich nicht allein auf dem Markt mit freiwilligem Einsatz der Beteiligten lösen. Es ist wie bei einem Brand: Da genügt es auch nicht, Mitarbeiter mit Wasserkübeln loszuschicken, die Feuerwehr muss her.

 

Eigenartigerweise kommt der rote Wagen aber nicht aus der Garage: Die großen Volksparteien, ob Konservative oder Sozialdemokraten, sind erstarrt und nicht fähig, sich für ein neues Thema zu öffnen. Klimaschutz ist ihnen zu kompliziert, zu sehr mit Interessen ihrer Klientel verwoben. Sie sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Klima-Kluft nicht als Chance erkennen – als Chance zu Innovation und Sicherung der Zukunft.

 

 

Quelle: Artikel von Gertraud Leimüller in den Salzburger Nachrichten vom 7. Juni 2019.